Studie der Hans-Böckler-Stiftung: Mehr Vielfalt im Wirtschaftsstudium? Theoretisch ja, praktisch passiert wenig

Die Forderung nach einer pluraleren Volkswirtschaftslehre prägt seit Jahren den wissenschaftlichen Diskurs. Kommt der Wandel nun wirklich? Eine Studie aus Kassel zeigt: Die Kritik an der Einseitigkeit der Wirtschaftswissenschaften findet Gehör bei den Lehrenden. Das allein verändert die Curricula jedoch nicht. Insbesondere die relevanten Grundlagenfächer verharren im Mainstream, der von der neoklassischen Theorie dominiert ist. Die Studie erklärt auch, woran das liegt und zeigt mögliche Wege auf, diesen Missstand zu beheben.

588 Ökonominnen und Ökonomen an 54 deutschen Universitäten beantworteten im vergangenen Sommer Fragen rund um das Thema Pluralismus in der Volkswirtschaftslehre. Zwei Jahre lang forschte das Team von Prof. Dr. Frank Beckenbach (Universität Kassel) in Kooperation mit dem Netzwerk Plurale Ökonomik und finanziell gefördert von der Hans-Böckler-Stiftung an dieser Standortbestimmung der deutschen Volkswirtschaftslehre. Neben der Befragung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern wurde auch eine ausführliche Analyse von Modulhandbüchern der entsprechenden Studiengänge sowie der Lehrmaterialien vorgenommen.

Eines der zentralen Umfrageergebnisse: 77,2 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass es einen Mainstream in der Lehre gibt. Diesen verorten sie im Gedankengerüst der neoklassischen Ökonomik, charakterisiert durch das Menschenbild des Homo oeconomicus sowie die damit verbundenen Optimierungsansätze und Gleichgewichtsannahmen. Gleichzeitig stimmen 92,8 Prozent der Befragten – 34,7 Prozent sogar stark – der Aussage zu, dass es wichtig ist, Studierende mit verschiedenen Lehrmeinungen vertraut zu machen. Und 84 Prozent der Befragten wären tendenziell bereit, ihre Lehre auch entsprechend plural auszugestalten und andere ökonomische Theorien und Konzepte aufzugreifen.

In der eigenen Lehre schlägt sich das allerdings kaum nieder: 69,7 Prozent der befragten Ökonominnen und Ökonomen gaben an, in den Bachelor-Grundlagenfächern eher Mainstream-Ökonomik zu lehren, in den fortgeschrittenen Bachelorfächern sind es noch 47,2 Prozent. Das bedeutet: Gerade in den Grundlagenfächern, in welchen die tragenden Säulen des weiteren Studiums gelegt und die Art und Weise ökonomische Vorgänge wahrzunehmen geprägt werden, findet eine einseitige Ausbildung der Studierenden statt. „Die Studierenden bekommen somit nur wenige Möglichkeiten, über den Tellerrand der traditionellen Ökonomik in die Vielfalt der Theorieansätze zu blicken“, sagt Christoph Gran, Mitglied des Netzwerkes Plurale Ökonomik. „Die Ergebnisse der Umfrage bestätigen somit unsere Kritik an der einseitigen Ausrichtung der Lehre.“ Gran sieht die Bereitschaft der Befragten, die Lehre zu ändern, sehr positiv, unterstreicht aber auch, „dass die Zeit reif ist, den Worten Taten folgen zu lassen und die Ausbildung an den Universitäten endlich zu ändern."

Die Auswertung der Modulhandbücher bestätigt die Ergebnisse der Befragung. Sie zeigt ein starkes Überwiegen des Mainstreams in den untersuchten Grundlagenfächern. Besonders deutlich wird dieser Umstand, wenn nach einer in der Studie entwickelten Unterscheidung in orthodoxe und heterodoxe Begriffe ausgewertet wird: Dann findet sich etwa in den Modulbeschreibungen der Mikroökonomik an 46 der 52 untersuchten Studiengänge – also knapp 90 Prozent – kein einziger Begriff, welcher auf heterodoxe Lehrinhalte hindeutet.

Mehr Informationen gibt es hier: http://www.boeckler.de/cps/rde/xchg/hbs/hs.xsl/63056_68165.htm

Hans-Böckler-Stiftung
Redaktion