Interview: Ver.di Modulangebot "Arbeitsbeziehungen in Deutschland – Kompetenzen für die Arbeitswelt" für Hochschulen und Lehrende

Die meisten Absolventinnen und Absolventen aus Universitäten und Fachhochschulen gehen nach ihrem Studium in Wirtschaft und Verwaltung. Was aber wissen sie über die Arbeitswelt? Welche Kenntnisse haben sie über Arbeitsbeziehungen? Ver.di hat ein Modulangebot "Arbeitsbeziehungen in Deutschland – Kompetenzen für die Arbeitswelt" für Hochschulen und Lehrende entwickelt. Wir sprechen im hochschulblog mit Renate Singvogel, aus der ver.di Bundesverwaltung über dieses Angebot.

Was bietet das Modulangebot "Arbeitsbeziehungen in Deutschland – Kompetenzen für die Arbeitswelt" für Hochschulen und Lehrende?

Mit dem Modul „Arbeitsbeziehungen in Deutschland – Kompetenzen für die Arbeitswelt“ können Hochschulen ihre Studierenden auf die Rahmenbedingungen ihrer späteren Erwerbstätigkeit vorbereiten. Es enthält in einem didaktischen Konzept die wichtigsten rechtlichen Grundlagen, das duale System der Interessenvertretung sowie aktuelle Herausforderungen der Arbeitswelt und wird bei der Durchführung mit Materialien wie Branchenanalysen und Praxisbeispielen unterstützt.

Wenn es an der jeweiligen Hochschule eine Kooperationsstelle Hochschule – Arbeitswelt gibt, kann auch sie für dieses Angebot die Türen in die Hochschule öffnen.  

Welches Ziel soll mit dem Modulangebot erreicht werden?

Jeder Studiengang verfolgt das übergeordnete Qualifikationsziel, Studierende zur Aufnahme einer qualifizierten Erwerbstätigkeit zu befähigen. Wenn dieses Ziel erreicht werden soll, muss die berufsfeldbezogene Arbeitswelt als Kontext einer künftigen Erwerbstätigkeit in der Hochschullehre angemessen berücksichtigt, damit Studierende die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt, ihre künftige Situation als Erwerbstätige und die sie betreffenden Herausforderungen am Arbeitsmarkt verstehen, reflektieren und Handlungsoptionen entwickeln können.

Dies ist in der Regel bislang nicht der Fall und macht deutlich, an welcher Stelle aufgeholt werden muss. Einige Hochschulen haben ihre Bringschuld erkannt und greifen das Angebot auf.

Um welche Inhalte geht es im Einzelnen?

Lehrinhalte

  • Merkmale von Arbeitsbeziehungen
  • Das duale System der Interessenvertretung: Tarifautonomie und Betriebsverfassung
  • Mitbestimmung und Industrielle Demokratie
  • Kollektive Akteure der Arbeitsbeziehungen: Arbeitgeberverbände, Gewerkschaften, Staat
  • Herausforderungen der Arbeitsbeziehungen im 21. Jahrhundert:   Globalisierung, Digitalisierung, Prekarisierung
  • Arbeitsrecht, Vertragsrecht
  • Normenhierarchie des Arbeitsrechts
  • Grundlagen der Tarifautonomie (§ 9 Absatz 3 GG, Tarifvertragsgesetz, etc.) und ihre Funktionen
  • Tarifvertragsarten, Bestandteile von Tarifverträgen
  • Betriebsverfassungsgesetz, Personalvertretungsgesetz
  • praxisbezogene Themen und Fälle
  • u. a.

Welche Lernziele und Kompetenzen sollen mit dem Angebot erreicht bzw. erworben werden?

Lernziele

Kompetenzen

Entwicklung von Arbeitsbeziehungen in Deutschland verstehen

Relevante kollektive Akteure und deren jeweilige Interessen kennen

Das duale System der Interessenvertretung (Tarifautonomie, Betriebsverfassungs- und Personalvertretungsgesetz) und die Funktionen von Tarifautonomie und Tarifverträgen erklären

Den aktuellen Wandel von Arbeitsbeziehungen erkennen und Entwicklungen, die maßgeblich dazu beitragen, benennen

Grundzüge des kollektiven und individuellen Arbeitsrechts kennen und diesbezüglich Handlungsmöglichkeiten entwickeln

Arbeitsbeziehungen analysieren

Grundkenntnisse des Arbeitsrechts auf konkrete Situationen anwenden

Mitbestimmungsmöglichkeiten aufzeigen

Die eigene Rolle in Arbeitsbeziehungen reflektieren und in Bezug setzen zu den spezifischen Herausforderungen der modernen Arbeitswelt

Eine Veranstaltung / ein Gespräch mit Experten/innen vorbereiten und moderieren

Welche Prüfungsleistung ist damit verbunden?

Vorgeschlagen wird die Vergabe von mindestens drei ECTS-Punkten, das entspricht einem Aufwand von 90 Arbeitsstunden (30 Stunden Präsenzzeit und 60 Stunden Selbststudium). In diesem zeitlichen Rahmen sollen in einem allgemeinen Teil die Grundlagen der Arbeitsbeziehungen und des Arbeitsrechts vermittelt sowie der Wandel der Arbeitswelt und dessen Herausforderungen thematisiert und - abhängig von der Zusammensetzung der Gruppe und den künftigen Berufsfeldern - entsprechende Branchenbezüge hergestellt werden.

Welche Hochschulen haben es bereits in die Praxis umgesetzt?

Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE) integrierte das didaktische Konzept bereits im Wintersemester 2015/16 in ihren Studiengang „Nachhaltiges Tourismusmanagement“ und damit in das fachliche Lehrangebot. Parallel bot die Universität Bremen das Modul allen Studierenden im Rahmen ihres überfachlichen Lehrangebots an. An beiden Hochschulen wurde das Modul im Wintersemsemester 2016/17 zum zweiten Mal angeboten und ist auf einem guten Weg der Verstetigung. Im Sommersemester 2016 wurde das Modul in Braunschweig sowohl an der Technischen Universität (TU) als auch an der Hochschule für Bildende Künste (HBK) in das Seminarverzeichnis aufgenommen und zeitgleich in vier Fakultäten der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften angeboten. Weitere Umsetzungen fanden im Wintersemester 2016/17 an der Jade Hochschule, Standort Wilhelmshaven und an der Georg-August Universität Göttingen statt. Erstere bietet das Modul ausgelegt auf maximal 25 Teilnehmer_innen im Fachbereich Ingenieurwissenschaften für alle Bachelorstudiengänge im sechsten Semester an. Ebenso wie an der Georg-August Universität ist die Veranstaltung im Bereich Schlüsselqualifikation aufgelistet, wobei in Göttingen die Teilnahme Studierenden aller Fachrichtungen und –semester offengehalten wurde.

Wie wird es in Nordrhein-Westfalen angenommen?

Bisher bot es die Hochschule Bielefeld, Campus Minden, für Studierende des Bauingenieurswesens an. Wir freuen uns, wenn weitere Hochschulen das Angebot aufgreifen.

Welche Unterstützung gibt es darüber hinaus von ver.di?

Von ver.di organisierte Fachtagungen und Workshops bieten Foren für den Austausch mit Hochschulen und Lehrenden an. Unterstützt wird die Umsetzung des Modulangebotes durch die Online-Plattform Kofa - Kompetenzen für die Arbeitswelt (http://kofa.verdi.de). Hier können sich Hochschulen und Lehrende über das Modul und dessen mögliche Integration ins Studienangebot informieren. Auf dieser Plattform finden sich eine Muster-Modulbeschreibung, das didaktische Konzept mit Studienphasen, Lernzielen und den zu erwerbenden Kompetenzen sowie die mögliche Verteilung der Semesterwochenstunden. Praxisbeispiele, verschiedene Branchenanalysen und andere Materialien sowie Evaluationsberichte einiger Hochschulen über die Umsetzung des Moduls ergänzen das Angebot.

An wen können sich interessierte Hochschulen und Studierende wenden, wenn sie mehr wissen möchten oder auch Interesse an einer Umsetzung in die Praxis haben?

Kontakt:
Renate Singvogel
Bereichsleiterin Bildungspolitik/Hochschulpolitik
ver.di - Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft
Bundesverwaltung
Paula-Thiede-Ufer 10, 10179 Berlin
Telefon: (0 30) 69 56-20 02
Mobil: (01 60) 8 81 92 83
E-Mail: renate [dot] singvogel [at] verdi [dot] de
(http://kofa.verdi.de)

 

 

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