Interview mit Dietmar Bell (SPD): Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung ohne Studienbeschränkungen und Studiengebühren

Unsere Interview-Reihe zu zentralen hochschulpolitischen Themen schließt mit Dietmar Bell, dem wissenschaftspolitischen Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag. Auch er hat sich unseren Fragen gestellt und gibt uns einen Einblick in die Positionen der Sozialdemokratie.

Inzwischen hat fast jeder zweite Berufseinsteiger einen akademischen Abschluss, die Bedeutung der Hochschulen wächst. Vor dem Hintergrund der Digitalisierung kommt der Qualifizierung eine Schlüsselrolle zu. Zugleich wird auch die Forschung immer wichtiger, denn wir brauchen Innovationen und Erkenntnisse um die großen Herausforderungen und Veränderungsprozesse gut gestalten zu können. Sind unsere Universitäten und Fachhochschulen auf die Aufgaben in Forschung und Lehre gut vorbereitet?

In NRW wird sowohl an den Universitäten, als auch an den Fachhochschulen exzellente Forschung betrieben. Das belegen alle Kennziffern, die man zu Rate zieht. Schwerpunkt der Forschung an den Fachhochschulen bildet dabei die angewandte Forschung. Im Landeshochschulentwicklungsplan haben wir mit den Hochschulen vereinbart, dass sie ihre Profilbildung vorantreiben und die Entwicklung international wettbewerbsfähiger Forschungsschwerpunkte im Focus ihres Handeln steht. Dazu ist es notwendig, die Zusammenarbeit mit den außeruniversitären Forschungsinstituten zu intensivieren und sich aktiv für die Neuansiedlung von Instituten einzusetzen und diese zu begleiten. Die zudem verabredete Verteilung von Studienanfängern im Verhältnis 40:60 zwischen Fachhochschulen und Universitäten, soll es den Universitäten ermöglichen, ihre Forschungsaktivitäten zu steigern. Zeitgleich benötigen wir aber auch verbesserte Rahmenbedingungen für Forscherinnen und Forscher an den Fachhochschulen.

Wie wollen Sie die Hochschulen unterstützen, um die Qualität der akademischen Bildung weiter zu verbessern? Welche Bedeutung hat in Ihren Augen Gute Lehre? Mit welchen Instrumenten wollen Sie Gute Lehre stärken?

Gute Lehre ist eine der zentralen Aufgaben der Hochschulen. Nur durch exzellente Lehre kann herausragender Nachwuchs entwickelt werden. Gleichzeitig sichert Gute Lehre auch den Studienerfolg in der Breite. Noch vor wenigen Wochen haben sich  beim Kongress des Wissenschaftsministeriums NRW „Erfolgreich studieren‟ fast 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmer über die Weiterentwicklung der Bedingungen guter Hochschullehre an der TH Köln ausgetauscht. Erkennbar war dabei, dass von allen Beteiligten die Notwendigkeit von Strategien zur Verbesserung der Lehre an den Hochschulen als Teil der institutionellen Verantwortung gesehen wird. Politisch kann diese Entwicklung durch die Unterstützung von Austausch, die öffentliche Anerkennung guter Leistungen in der Lehre und durch die Öffnung von Karrierewegen für Gute Lehrende unterstützt werden. Begleitet werden muss dies sicherlich durch Qualitätssicherungsinstrumente, wie dies bereits an vielen Hochschulen geschieht.

Es gibt unterschiedliche Positionen zu der Frage, wie viele Menschen studieren sollen. Wie ist Ihre Meinung? Soll der Zugang zum Studium eingeschränkt sein? Was halten Sie vom Studium ohne Abitur? Wie stehen Sie zu Studiengebühren?

Spätestens dann, wenn man diejenigen fragt, die für eine stärkere Beschränkung des Hochschulzugangs eintreten, welchen Berufsweg denn ihre eigenen Kinder eingeschlagen haben oder noch werden, wird erkennbar, dass die Debatte selten ehrlich geführt wird. Schon heute ist die Entscheidung wer an einer Hochschule studiert und wer nicht, stark von der sozialen Ausgangssituation des Elternhauses geprägt. Insoweit lehne ich Studienbeschränkungen und Studiengebühren ausdrücklich ab. Schaut man sich die Entwicklung unseres beruflichen Bildungssystems an, wird erkennbar, dass wir nicht ein Gegeneinander, sondern eine durchlässige Verzahnung von beruflicher und akademischer Bildung benötigen. Schon heute kommt ein größerer Handwerksbetrieb nicht ohne betriebswirtschaftliche Kenntnisse aus. Je nach Gewerk werden dann auch technische Planungsleistungen erforderlich, die häufig auch akademische Bildung voraussetzen. Deshalb etablieren sich ja zunehmend duale und triale Studiengänge, weil sie den Anforderungen der Zeit entsprechen. Meister und Master ergänzen sich und bedingen einander. Deshalb halte ich den in NRW eingeschlagenen Weg, beruflich Qualifizierten ein Studium ohne Abitur zu ermöglichen, für richtig. Die steigende Zahl an motivierten Studierenden aus dieser Gruppe ist Beleg für den Erfolg dieses eingeschlagenen Weges.

Wie sieht in Ihren Augen eine gute Hochschulsteuerung aus? Wie viel staatlichen Einfluss, bzw. wie viel Autonomie wollen Sie den Hochschulen geben? Welche Rolle sollen die akademischen Gremien Senat, Hochschulrat, Rektorate Ihrer Meinung nach spielen?  Wie viel Beteiligung und Demokratie soll es in der Hochschule geben?

Diese Frage der Governance, hat die Debatte in der letzten Legislaturperiode inhaltlich stark geprägt. Die Hochschulen haben in NRW eine in der Bundesrepublik sonst nirgendwo vorhandene Autonomie. Sie haben die dadurch vorhandenen Spielräume auch verantwortlich und erfolgreich eingesetzt. Trotzdem stellte sich die Frage, wie in dieser entstandenen Landschaft das Land, als wesentlicher Finanzier, auf die Entwicklung Einfluss nehmen kann. Dabei ging es nicht um Detailsteuerung, sondern um grundsätzliche Fragen der Weiterentwicklung z. B. beim Thema Digitalisierung. Die nun gefundene konsensuale Lösung hat den gemeinsam zwischen Parlament, Landesregierung und Hochschulen vereinbarten Weg der Einführung eines Landeshochschulentwicklungsplanes gefunden. Dieser beschreibt auf einer recht abstrakten Ebene, die wesentlichen Ziele der Hochschulentwicklung in NRW für die nächsten fünf Jahre, die dann in Hochschulverträge überführt werden. Ich bin sicher, dass dies ein guter Weg ist und wir sollten dieses Instrument sorgfältig evaluieren, um eine mögliche Debatte nach 2021 unaufgeregter führen zu können.

Für mich stellt die demokratische Verfasstheit der Hochschule gerade in Zeiten wie heute einen hohen Wert dar. Selbstbewusste Hochschulleitungen sollten mit selbstbewussten Gremien erfolgreich und konstruktiv arbeiten können. Dabei erscheint mir, dass die Möglichkeiten der demokratischen Beteiligung der akademischen Gremien, die das neue Hochschulgesetz ermöglicht hat, durchaus unterschiedlich qualitativ genutzt zu werden. Auch hier gilt: Wir werden diese Fragen mit der im Gesetz festgelegten Evaluierung kritisch hinterfragen.    

Eine wichtige Basis für Gute Lehre und Gute Forschung ist eine sichere Finanzierung. Wie stellen Sie sich die Hochschulfinanzierung in der kommenden Legislatur vor? Welchen Stellenwert geben Sie der Grundfinanzierung, welchen Stellenwert Initiativen und Pakten wie der Exzellenzinitiative und dem Hochschulpakt?

Mit der vor wenigen Monaten geschlossenen Hochschulvereinbarung ist die Grundlage der Finanzierung der Hochschulen für die nächsten fünf Jahre gesichert. Das Land sichert nicht nur alle Kostensteigerungen ab, sondern überführt auch die Hälfte der landesseitigen Hochschulpaktmittel in die Grundfinanzierung der Hochschulen. Damit kommt das Land einer langjährigen Forderung der Hochschulen nach, mehr Planungssicherheit unabhängig von Pakten und Drittmitteln zu erhalten. In der Spitze sind dies mehr als 330 Mio. € zusätzlich pro Jahr. Wir haben die klare Erwartungshaltung, dass nun auch der Bund den Weg für die dringend notwendige Erhöhung der Grundfinanzierung geht. Dies würde den Weg für die Hochschulen eröffnen, vor allem im personellen Bereich deutlich qualitativere Arbeitsbedingungen zu schaffen. Das sichert Zukunftsfähigkeit für unsere Hochschulen.

Im Hochschulzukunftsgesetz wurde ein neuer Paragraph §34a Rahmenkodex für gute Beschäftigungsbedingungen geschaffen. Inzwischen haben alle Hochschulen diesen Kodex in Form eines Vertrages unterzeichnet. Wie bewerten Sie die Einführung dieses Paragraphen und seine Umsetzung? Welchen Reformbedarf sehen Sie in der nächsten Legislatur, damit der Arbeitsplatz Hochschule attraktiver wird? 

Die Einführung des § 34a war ein Meilenstein, um das Thema der Beschäftigungsbedingungen an den Hochschulen in das Zentrum der Aufmerksamkeit und der politischen Agenda zu stellen. NRW war damit bundesweit Trendsetter und ist nicht nur vom Wissenschaftsrat für diese mutigen Schritte gelobt worden. Der Weg zu einer Kodifizierung war nicht einfach und hat allen Beteiligten, Kompromissbereitschaft abverlangt. Wir sollten jetzt zeitnah die Ergebnisse des Vertrages evaluieren. Ich bin sicher, dass es zwischen den Hochschulen relevante Unterschiede bei der Umsetzung geben wird. Ob daraus Reformbedarf für das Gesetz, den Vertrag entstehen wird, sollten wir dann gemeinsam beraten. Ziel bleibt jedenfalls, die Arbeitsbedingungen an den Hochschulen zu verbessern. Für die Beschäftigten, die engagiert ihre Arbeit machen. Aber auch für die Hochschulen selber, damit sie attraktiver Arbeitgeber und zukunftsfähig bleiben.

 

Redaktion