Zugeschüttete Universitäten - Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Türkei vor einem Trümmerhaufen

Eine junge Gewerkschafterin aus Nordrhein-Westfalen hat bei ihrer letzten Türkei-Reise mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern über deren Situation gesprochen. Sie wollte wissen, wie es den Kolleginnen und Kollegen ergeht, die konkret betroffen sind und erfahren, wie die Verschärfung der politischen Situation in der Türkei sich auf ihre Lebensrealität auswirkt. Da sie wieder in die Türkei reisen möchte, schützen wir ihre Identität und veröffentlichen hier ihren Bericht, der mit Interview-Ausschnitten bereichert ist, anonym.

Ihr Bericht:

Über die Situation in der Türkei ist dieser Tage viel zu lesen und zu hören. Wir wissen, dass es seit über einem Jahr, nach dem vermeintlichen Putschversuch und im Rahmen des darauf folgenden Ausnahmezustandes enorme Beschneidung von Freiheitsrechten gibt. Diese Beschneidung betrifft alle Bereiche der türkischen Gesellschaft und findet auch ihren Ausdruck in einer Ausreisewelle von allen, die es sich leisten können oder überhaupt in der Lage sind, das Land zu verlassen.
Ich wollte nun wissen, wie es den KollegInnen ergeht, die konkret betroffen sind, und erfahren, wie die Verschärfung der politischen Situation in der Türkei sich auf ihre Lebensrealität auswirkt. Es war bereits im Vorfeld schwierig, WissenschaftlerInnen ausfindig zu machen, die reden wollten. Die meisten, die ich angefragt habe, wollten lieber nicht reden, weil sie (noch mehr) Repressionen befürchteten. Drei betroffene WissenschaftlerInnen waren schlussendlich bereit, mir ihre Situation und ihre Sicht zu schildern. Gesprochen habe ich in Istanbul mit zwei WissenschaftlerInnen, denen gekündigt wurde und einem Wissenschaftler, der zwar weiterhin an einer Hochschule arbeitet, dabei aber die Zensur zu spüren bekommt, und die Perspektive alles andere als sicher empfindet. Alle Namen sind anonymisiert und die Disziplinen wurden geändert.

Cem hat in Deutschland promoviert und hat die deutsche Staatsbürgerschaft. Er hat seit 2011 bis 2016 an einer sogenannten Gülen-Hochschule als Assistent Professor im Fachbereich Politwissenschaften gearbeitet. Er berichtete mir seine Lage:

„Dummerweise gehörte mein Arbeitgeber zu den 15 Universitäten, die zu dem Gülen-Netzwerk gehörten. Das war damals, als ich mich beworben habe, ganz normal, es war kein Problem. Auf der anderen Seite habe ich mich auch an Unis beworben, die der AKP nahe standen, die hatten jetzt keine Stellen parat. Dann hat mir ein Freund gesagt, guck mal, die suchen Leute, weil sie selbst keine Leute haben, und suchen auch Leute, die nichts mit Gülen zu tun haben.“

Für ihn war die Entscheidung an einer Gülen-Hochschule zu arbeiten, nicht ideologisch gebunden, sondern einfach ein Job. Nach den Unruhen im Sommer 2016 endete die bereits bröckelige Freundschaft zwischen der Gülen-Bewegung und der AKP endgültig. Die Hochschule, an der Cem arbeitete, wurde in einer Nacht-und-Nebel-Aktion geschlossen. Er beschreibt es so:

„Der Putsch war am 15. Juli, da war ich nicht in Istanbul. Dann bin ich am Dienstag gekommen, weil ich meinen Computer holen und zu Hause arbeiten wollte. Am 19. Juli ist die Stadtverwaltung zum Campus gekommen, ich war selbst nicht da, aber Kollegen haben Fotos gemacht und erzählt. Die Stadtverwaltung kam also und hat gesagt, wir sind alle Terroristen und raus mit euch, wir schließen jetzt die Uni. Und zwar haben sie das so gemacht, dass sie einfach Bauschutt an die Eingänge geschmissen haben. [Anmerkung der Redakteurin: Dazu die zwei Fotos in diesem Artikel, die eine Kollegin von Cem zur Verfügung gestellt hat.] Und haben die Leute gezwungen, die türkische Flagge runterzunehmen, weil sie Verräter seien. Seitdem ist die Uni geschlossen. Wir haben auch unsere Sachen nicht bekommen. Die ganzen Bücher, alle Unterlagen, alles Mögliche was wir haben, ist noch da drin. Dann am 23. Juli war es dann so, dass offiziell die Universität per Präsidialdekret geschlossen wurde. Vom Rektor bis zur Putzfrau ist alles draußen, gekündigt. Und zwar hat sich das auf ein Gesetz gestützt, das ungefähr ein Jahr vorher verfasst wurde. Es gab es dem Staat das Recht, Universitäten zu schließen, wenn Missbrauch getrieben oder wenn terroristische Umtriebe festgestellt wurden. Aber damals gab es einen gewissen Prozess, das ging nicht von heute auf morgen. Nach diesem Gesetz muss eigentlich eine Verwarnung ausgesprochen werden, dann wird ein Verwalter eingesetzt und erst bei der dritten Verwarnung, wenn sich nichts verbessert hätte, hätte die Uni geschlossen werden müssen. In dem Sinne wurde die Uni jetzt ohne Verwarnung geschlossen. Ja, dann waren wir nach dem 23. Juli arbeitslos, aber es gab wieder ein Problem. Es ist in der Türkei so, wenn du entlassen wirst, brauchst du einen Wisch von deinem Arbeitsgeber, warum du entlassen wurdest. Damit kannst du Arbeitslosengeld beantragen. Das geht natürlich bei uns nicht, weil auch das Personalbüro entlassen wurde. Ja, und dann war es so, dass es Wochen gedauert hat, bis wir was gehört haben. Dann hat die Sozialversicherungsbehörde gesagt, bitte stellt einen Antrag, dass wir euch aus dem System rausstellen, damit ihr den Antrag auf Arbeitslosengeld stellen können. Das Arbeitslosgeld ist banal. Es sind ungefähr 1000 TLR, mehr nicht.“ 1000 TLR sind ungefähr 250 EUR.

Wenn eine Universität von einem auf den anderen Tag geschlossen wird, und die Mitarbeiter ohne jegliche juristische Handhabe als „Terroristen“ bezeichnet und somit alle ihrer Rechte beraubt werden, liegt es auf der Hand, dass hier sowohl Rechtstaatlichkeit, also auch alle ArbeitnehmerInnenrechte keinen Bestand mehr haben. In dieser Atmosphäre ist kein Vertrauensschutz mehr gewährleistet, und freilich kann auch keine Forschung und keine Lehre mehr betrieben werden.

Ela, eine promovierte Historikerin arbeitete auch als Wissenschaftlerin an einer privat geführten Gülen-Hochschule. Ihre Uni wurde ebenfalls geschlossen. Sie selbst wurde festgenommen und in Untersuchungshaft gesteckt. Ela ist noch immer traumatisiert und fühlt sich in der Türkei unsicher und ausgeliefert. Sie schilderte mir ihre Erfahrungen:

„Ich wurde wie eine Schwerverbrecherin behandelt und als Terroristin beschimpft. Ich habe nie etwas getan, was der Gesellschaft oder irgendjemanden Schaden zugefügt hätte. Meine persönlichen Gegenstände wie mein Handy und auch mein Laptop wurden mir weggenommen. Ich musste drei Wochen in der Untersuchungshaft bleiben, ohne zu wissen, was ich falsch gemacht habe. Einen Anwalt durfte ich auch nicht sehen. Nach der Entlassung hatte ich sogar Besuch von der Polizei bei mir zu Hause, die mir den zweiten Rechner und ein Mobiltelefon, die mir Freunde gebracht hatten, auch wieder weggenommen haben und darüber hinaus auch meinen Pass“.

Ela ist jetzt arbeitslos und kann das Land nicht verlassen. Dieses Ausharren-Müssen und nicht zu wissen, wann sich vor allem die persönliche Situation verbessert, schafft ein Klima der Angst und der Resignation. Michael, ein deutscher Wissenschaftler, der seit 7 Jahren in der Türkei lebt, beschreibt dieses Klima:

„Die haben ja auch 2.000 Schulen geschlossen, das Gülen-Netzwerk war ja sehr stark aktiv im Bereich Schulbildung und anderer öffentlicher Dienste. Die Regierung hat Leute rausgeschmissen, ihre Wohnungen, Bankkonten und Autos beschlagnahmt. Die sitzen auf der Straße.  Man hört jetzt öfter mal so Berichte von tödlichen Unfällen von irgendwelchen Lehrern, die jetzt auf dem Bau gearbeitet haben. Als Lehrer ist man nicht so schwindelfrei, dass man auf Gerüsten arbeiten könnte. Etliche Fälle von jungen Leuten, die tödlich verunglückt sind. Es war ja die Drohung der Regierung, bevor das mit der Todesstrafe so konkret wurde: ‚Wir werden euch so bestrafen, dass es euch lieber wäre, wir hätten euch hingerichtet‘. Und das machen sie jetzt mit den Leuten, total vernichten die können nichts dagegen machen. Keine Einkommensmöglichkeit, die Pässe weggenommen, so dass sie nicht ins Ausland gehen können. Das heißt, die haben diese totale Bestrafung, Isolation und Armut, da kann man nichts machen. “

Im Gegensatz zu Ela, die das Land nicht verlassen kann, bewirbt sich Cem auf Stellen außerhalb der Türkei und möchte ausreisen. Damit gehört er zu einer immer größer werdenden Gruppe von Menschen, die dem Land den Rücken kehren und ihren Lebens- und Arbeitsschwerpunkt außerhalb der Türkei suchen.

Michael arbeitete vor ein paar Jahren ebenso an einer Gülen-Hochschule, bis er dort gekündigt wurde:

„Ich war erst dreieinhalb Jahre an einer Gülen-Universität. Und da sind wir dann – warum genau wissen wir nicht – da rausgeflogen, das war einige Jahre vor der Schließung der Hochschule. Der unmittelbare Auslöser war, dass wir einem Studenten aus neureichem Haus keinen Schein gegeben haben, der nach fünf Jahren im englischsprachigen Programm immer noch kein Englisch konnte. Und das wurde von der Universitäts-Leitung nicht so gerne gesehen. Am selben Tag haben sie uns dann morgens gesagt, wir sollten nachmittags den neuen Vertrag abholen, mittags ging es um diesen Studenten, und nachmittags sagte die Personalabteilung: So, Ihr Institut will Ihnen keinen neuen Vertrag geben. Seine Eltern hatten viel Geld gespendet an die Bewegung. Und den Privat-Unis von Gülen geht es nicht so sehr ums Lernen, sondern darum, dass die weniger begabten Kinder ihre Diplome bekommen. Ihre talentierten Kinder schicken sie auf richtige Universitäten, die Bosporus Universität zum Beispiel. Aber für Leute, die nur ihr Diplom für die Wand brauchen, sind ihre eigenen Universitäten, die sind ja jetzt alle weg.“

Die Beschreibungen der interviewten WissenschaftlerInnen zeigen, welcher Willkür sie ausgesetzt sind. Die privaten Gülen-Hochschulen haben im Michaels Fall genauso willkürlich gehandelt und ihn arbeitsrechtlich völlig fraglich vor die Tür gesetzt, wie die staatlichen Akteure nun aktuell gegen ihre ehemaligen Freunde vorgehen. Leidtragende sind allerdings nicht die Funktionäre und Akteure des Gülen-Netzwerkes, sondern vielmehr die vielen Beschäftigten, die ideologisch und politisch weder der AKP, noch der Gülen-Bewegung nahestehen müssen. Cem beschreibt diesen Umstand folgenderweise:

„Das interessante ist, weil wir die ganze Zeit diesen Konflikt zwischen AKP und Gülen haben, im Endeffekt sind sie Zwillingsbrüder, weil sie sich von der Mentalität her sehr ähnlich sind.“
Gewerkschaften und Oppositionsparteien, die als Korrektiv agieren könnten, sind geschwächt und zerschlagen worden. „Gewerkschaften sind nicht so gerne gesehen und wurden geschlossen“, erzählt Cem. In einer solchen Gemengelage ist es von großer Bedeutung für die betroffenen Menschen in der Türkei, nicht alleine gelassen zu werden. Der Schrei nach einem Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen ist in der dieser Situation womöglich genau das falsche Signal.

Vielmehr müssten die demokratischen Kräfte, die Intellektuellen und die Beschäftigten in der Türkei eine Welle der Solidarität aus Europa erfahren. Dazu können und sollten auch Gewerkschaften und die Zivilgesellschaft in Deutschland etwas beitragen.

 

Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)
Redaktion