Interview mit Andreas Keller (GEW): Freie Wissenschaft in Europa in Gefahr

Für die Wissenschaft ist ein offener, freier Diskurs über nationalstaatliche Grenzen hinweg von elementarer Bedeutung. Doch genau diese Freiheit ist aktuell bedroht: In der Türkei sitzen Wissenschaftler/innen in Gefängnissen, Großbritannien steigt mit dem Brexit aus, die ungarische Regierung versucht eine ungeliebte Universität zu schließen. Wir sprechen im hochschulblog über die Grundlagen von Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in einem bewegten Europa mit Dr. Andreas Keller, dem stellvertretenden Vorsitzenden der GEW, der zugleich einer von sechs Vizepräsident/inn/en des Europäischen Gewerkschaftskomitees für Bildung und Wissenschaft (EGBW) ist.

Vor welchen Herausforderungen steht die Wissenschaft in Europa heute?

Fast 20 Jahre Europäischer Hochschulraum in Folge des Bologna-Prozesses, über zehn Jahre Europäischer Forschungsraum. Der europäische Integrationsprozess ist auch in der Wissenschaft voll in Gange, weit über die Grenzen der Europäischen Union hinaus. Doch nun steht Europa vor einer Weichenstellung: Dient der europäische Hochschul- und Forschungsraum in erster Linie dem ökonomischen Standortwettbewerb in Konkurrenz mit anderen Weltregionen, vor allem Nordamerika und Ostasien? Oder stehen die Durchsetzung des Rechts auf Hochschulbildung und innovative Forschung zur Lösung gesellschaftlicher Zukunftsfragen im Mittelpunkt? Zugespitzt formuliert: Folgt die europäische Wissenschaftspolitik dem Leitbild des Wettbewerbs oder dem der Kooperation? Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende und Gewerkschaften sind aufgefordert, sich stärker in der europäischen Bildungs- und Wissenschaftspolitik zu engagieren.

Was bedeutet der Brexit für den akademischen Diskurs? Ist mit dem Ende der gemeinsamen Forschungsförderung durch „Horizont 2020“ in der EU auch ein Ende der Forschungskooperationen mit britischen Universitäten zu erwarten?

Nach Deutschland bezieht Großbritannien am meisten Fördergelder aus dem Programm. Die britischen Universitäten werden daher einen Wegfall der Fördergelder empfindlich zu spüren bekommen. Darüber hinaus werden sie als Partner für Wissenschaftseinrichtungen auf dem Kontinent weniger interessant. Kein Wunder, dass sich nach dem Brexit-Votum gerade unter britischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern blankes Entsetzen breit machte.

Welche Bedeutung wird der Brexit für junge Menschen haben, die für ein Auslandssemester in Großbritannien studieren möchten?

Das werden die Brexit-Verhandlungen ergeben. Austauschprogramme wie Erasmus stehen auch Ländern offen, die nicht Mitglieder der Europäischen Union sind. Da Großbritannien ein attraktiver Studienstandort ist, wird die Union sicher ein Interesse haben, die Insel weiter einzubeziehen. Studierende aus der Europäischen Union werden sich aber auf einen drastischen Anstieg der Studiengebühren einzustellen haben. Bisher dürfen Studierende aus dem EU-Ausland nicht höher zur Kasse gebeten werden als britische Studierende. Obwohl dabei schon heute bis zu 9.000 Pfund im Jahr fällig werden können, ist nach dem Brexit mit noch höheren Gebühren zu rechnen.

Rechtspopulisten und Nationalisten stehen für einfache Botschaften, ein schwarz und weiß. Komplexe Zusammenhänge, Graustufen und wissenschaftlicher Diskurs ist nicht ihre Welt. Im Gegenteil: Wissenschaftliche Erkenntnisse werden pauschal negiert. Das bekannteste aktuelle Beispiel ist die Leugnung des Klimawandels durch Präsident Trump. Hat Wissenschaft heute ein Kommunikationsproblem?

Es wäre eine falsche Reaktion, über die Wissenschaft eine Art Käseglocke zu stülpen und allen, die nicht selbst zum Thema geforscht haben, Kritik abzusprechen. Nein, im Gegenteil: Wissenschaft muss im Gegenteil in der Lage sein, mit Kritik auch von Laiinnen und Laien umzugehen und sich ihrer gesellschaftlichen Verantwortung stellen. Wenn sie dies aktiv tut und auch Studierende ganz selbstverständlich schon im Studium an forschendes Lernen herangeführt werden, werden auch Öffentlichkeit und Zivilgesellschaft das plumpe Beharren auf „alternativen Fakten“ von fundierter Wissenschaftskritik unterscheiden können.

Welche Rolle soll Wissenschaft in einer Demokratie erfüllen?

Eine mit Leben erfüllte akademische Freiheit wird ein Stachel im Fleisch jeder Demokratie sein, auf der anderen Seite müssen auch wissenschaftliche Institutionen demokratisch verfasst sein und demokratisch gesteuert werden können. Dieses Spannungsverhältnis gilt es stets aufs neue auszubalancieren.

Welche gemeinsamen Ziele verfolgt das Europäische Gewerkschaftskomitee für Bildung und Wissenschaft (EGBW)?

Das EGBW ist die europäische Region der Bildungsinternationale, der weltweiten Dachorganisation der Bildungsinternationale. Der europäischen Region gehören 132 Mitgliedsgewerkschaften in 49 Ländern an, so dass wir insgesamt elf Millionen Beschäftigte an Bildungseinrichtungen repräsentieren, darunter auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Hochschulen und Forschungseinrichtungen. Wir setzen uns sowohl für faire Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen für unsere Mitglieder als auch für das Recht auf Bildung und eine hohe Bildungsqualität ein – das sind zwei Seiten einer Medaille. Dafür brauchen wir eine garantierte akademische Freiheit für die Lehrenden, aber auch einen wirksamen sozialen Dialog von Arbeitgeber und Regierungen mit den Gewerkschaften.

In der Türkei sind hunderte Wissenschaftler/innen inhaftiert, tausende wurden entlassen und verloren ihren Job. Wie bewertet das EGBW die Lage? Welche Unterstützung gibt es für geflohene Wissenschaftler/innen durch die GEW in Deutschland?

Die GEW hat sich ebenso wie das EGBW von Anfang an die Seite der Kolleginnen und Kollegen in der Türkei gestellt. So haben wir etwa die frühere Generalsekretärin unserer türkischen Partnergewerkschaft Eğitim Sen, Sakine Yilmaz, unterstützt, die letztes Jahr nach Deutschland geflohen ist und inzwischen als Asylberechtigte anerkannt ist. Vertreterinnen und Vertreter der GEW haben an Delegationsreisen der Bildungsinternationale in die Türkei teilgenommen. Unter dem Dach der Bildungsinternationale haben wir ein Solidaritätskonto zur Unterstützung der entlassenen und inhaftierten Lehrerinnen und Lehrern, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern eingerichtet. Auf dem Gewerkschaftstag der GEW im Mai in Freiburg haben unsere Delegierten einen Dringlichkeitsantrag verabschiedet, in der sie sich mit den türkischen Kolleginnen und Kollegen solidarisch erklärten und konkrete Forderungen an Bund, Länder und Wissenschaftseinrichtungen richteten. So müssen das Auswärtige Amt und die Innenministerien der Länder bei der Erteilung von Einreisevisa und der Erteilung und Verlängerung von Aufenthaltsgenehmigungen für die türkischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler alle rechtlichen Möglichkeiten voll ausschöpfen. Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Deutschland rufen wir auf, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Türkei einzuladen und ihnen Beschäftigungsmöglichkeiten anzubieten. Zugleich sollten sie gegenüber türkischen Partnerorganisationen akademische Freiheit einzufordern sowie Repressionen und Berufsverbote kritisieren.

Wo kann ich mehr Infos über die europäische und internationale Arbeit der Bildungsgewerkschaften finden?

Am einfachsten im Internet auf den Websites der Bildungsinternationale (Education International – EI) www.ei-ie.org sowie ihrer europäischen Region EGBW (European Trade Union Committee for Education – ETUCE) www.csee-etuce.org.

Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Redaktion