Interview mit Sonja Bolenius: Digitalisierung in der Lehre ist kein Sparansatz!


Die smarte Vernetzung verändert alle Lebensbereiche: Den privaten Alltag, das Arbeitsleben und natürlich auch die Bildung. Was aber zeichnet gute digitale Hochschulbildung aus? Helfen moderne Technologien die Qualität von Studium und Lehre zu verbessern? Und können digitale Lernformate die Durchlässigkeit des akademischen Systems erhöhen? Wir sprechen im Hochschulblog mit Sonja Bolenius, Hochschulexpertin beim DGB Bundesvorstand, über diese und weitere Fragen.

Ist die Digitalisierung in den Universitäten und Fachhochschulen überhaupt schon ein Thema?

Ja, aber noch nicht flächendeckend und häufig verkürzt auf den Einsatz von MOOCs oder technischen Ausstattungsfragen. Viele erhoffen sich davon auch Einsparungsmöglichkeiten. Das dürfte sich in der Regel nicht erfüllen. Die Kosten für Wartung und regelmäßige Updates – sowohl bezogen auf die Hard- als auch auf die Software – sind nicht unerheblich.

Eine Vorlesung in Youtube einzustellen ist noch keine neue digitale Didaktik. Welche Möglichkeiten eröffnen sich nun aber mit neuer Technologie?

Gut gemachte digitale Angebote müssen in ein curriculares Ganzes integriert sein und sie enthalten auch Präsenzphasen und Reflexionsräume. Das Stichwort heißt nach wie vor Blended Learning. Lernen, Wissensaneignung findet in Interaktionsprozessen statt. Es geht also um eine didaktisch durchdachte Verschränkung und Integration von analogen und digitalen Parts. Reine Onlineangebote lösen ihre Versprechungen gemessen am Bildungserfolg oft nicht ein. Das wissen wir schon aus der Zeit der Computerisierung. Kluge Blendet-Learning Ansätze können aber zum Beispiel die Realisierung eines berufsbegleitenden Studiums wesentlich erleichtern.

Kann eine Nutzung moderner IT-Technik und mehr Vernetzung die Qualität von Studium und Lehre verbessern?

Digitalisierung ist weder Selbstzweck noch Selbstläufer. Ob die neuen technischen Möglichkeiten die Qualität verbessern können, das hängt entscheidend von den Rahmenbedingungen ab. Und davon, ob die Lehrenden in der Lage sind, die technischen Möglichkeiten so einzusetzen, dass die Lehre abwechslungsreicher, lebens- bzw. praxisnäher und interessanter wird.

Unter welchen Voraussetzungen kann dies gelingen?

Eine gute Digitalisierungsstrategie für Studium und Lehre ist mit Qualifizierungsangeboten für die Lehrenden und natürlich mit „echten“ Lehrenden zu flankieren. Auch Personalressourcen für Wartung und Betreuung müssen eingeplant werden.

Und natürlich braucht es Angebote, die die Lernenden in die Lage versetzen, mit den digitalen Angeboten gewinnbringend umgehen zu können. Das ist KEINE angeborene Fähigkeit, auch nicht bei jungen Menschen. Das wird oft vergessen und dann droht die Gefahr, dass die biografisch unterschiedlichen Voraussetzungen wieder greifen und soziale Ungleichheit reproduziert, vielleicht sogar vertieft wird.

Kann die Lehre mithilfe digitaler Medien auch praxisorientierter gestaltet werden? Wie können wir uns das vorstellen?

Digitale Formate bieten die Möglichkeit durchaus. Zum Beispiel können gute Simulationen praktisches Erfahrungslernen ein Stück weit ersetzen. Wenn man an den Flugsimulator in der Pilotenausbildung denkt, sieht man auch, dass das gar nicht so neu ist und gut funktioniert. Auch in der Medizinerausbildung gibt es sehr erfolgreiche Entwicklungen, die zum Beispiel reale Tierversuche ersetzen können. Über digitale Angebote kann aber auch unterstützt werden, reale Praxiserfahrungen von Studierenden in die Lehre mit einzubeziehen. Im Moment scheitert noch vieles am Datenvolumen und den Kosten. Aber da erwarte ich, dass sich noch vieles entwickelt.

Gute Lehre und gute Arbeit bedingen sich wechselseitig. Welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, damit Digitalisierung einen Beitrag zu guter Arbeit in Wissenschaft und Lehre leistet?

Natürlich zunächst einmal die Gleichen, wie für gute analoge Lehre und gute Arbeit in der Wissenschaft generell auch. Das ist wichtig sich zunächst klar zu machen. Das heißt in NRW zum Beispiel, dass der Rahmenkodex gute Arbeit in der Wissenschaft natürlich auch für alle Beschäftigten gelten muss, die im Kontext mit digitalen Angeboten tätig sind.

Darüber hinaus müssen aber eine Reihe Probleme angegangen werden. Zum Beispiel die Frage, was in welchem Umfang anrechnungsfähig ist für das eigene Lehrdeputat. Engagement für digitale Lehrformate darf nicht zu Lasten der Lehrenden anrechnungsfrei bleiben. Gleichzeitig darf das aber auch nicht dazu führen, dass die Betreuungsquote an den Hochschulen noch schlechter wird. Schon dieses Beispiel zeigt, dass eine Digitalisierungsstrategie auch in der Lehre für die Hochschulen kein Sparansatz ist. Im Gegenteil, sie muss personell unterlegt werden, wenn es gut werden soll.

Kann die Digitalisierung bei der Öffnung der Hochschulen helfen? Oder anders gefragt: Wird es für Menschen, die nicht aus Akademikerhaushalten kommen, einfacher den Weg an die Hochschule zu finden? Oder werden neue Barrieren eingezogen?

Es spricht erst mal wenig dafür, dass die Folgen sozialer Schieflagen im Bildungssystem – fehlende Chancengleichheit, Schwierigkeiten sich in der akademischen Welt zurecht zu finden – einfach mit einer neuen Technologie überwunden werden können. Zudem eine Reihe Untersuchungen zeigen, dass das Nutzungsverhalten bei der digitalen Technik ähnliche Muster aufweist. Die Schulen müssen stärker den Umgang mit digitaler Technik thematisieren und die Fähigkeit zur kritisch-reflexiven Nutzung fördern. Auch die Hochschulen sind gefragt, gerade zum Studienbeginn Angebote zu machen, um unterschiedliche Voraussetzungen und verschiedene Reifegrade des digitalen Nutzungsverhaltens auszugleichen.

Wird die Digitalisierung der Hochschulen neue Formen der Partizipation ermöglichen?

Das kann ich mir gut vorstellen. Allerdings dürfen Instrumente der „Klick-Beteiligung“ an Entscheidungsprozessen nicht dazu führen, die „harten“ Mitbestimmungsrechte und –möglichkeiten einzuschränken. Mitreden ist wichtig, am Ende kommt es aber auf das Mitentscheiden an. Der DGB und seine Mitgliedsgewerkschaften wollen die Viertelparität in den Hochschulgremien. Und zusätzlich sehr gerne niedrigschwellige Möglichkeiten, sich auch punktuell einzubringen – dazu kann Digitaltechnik den nötigen Rahmen bieten. Ja, da kann ich mir spannende Sachen vorstellen.

Wird mit den neuen Technologien eine bessere Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Bildungssystemen, Schule, berufliche Bildung, akademische Bildung, berufliche Aufstiegsfortbildung und Weiterbildung ermöglicht? Unter welchen Voraussetzungen kann dies gelingen?

Sie können zumindest bei relativ gut standardisierbaren Prozessen, zum Beispiel bei der gegenseitigen Anrechnung und Anerkennung von Leistungen, dazu beitragen, mehr Transparenz und Vergleichbarkeit ins System zu bringen. Damit wäre schon sehr geholfen. Auch komplexere Anrechnungs- und Anerkennungsverfahren, die eine Einzelfallentscheidung erfordern, könnten technisch unterstützt werden. Es wäre auf jeden Fall lohnenswert, in diese Richtung weiter an Lösungen zu arbeiten und die vielfältigen Möglichkeiten der Digitaltechnik zu nutzen.

Deutscher Gewerkschaftsbund (DGB)
Redaktion